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Zerreißprobe OCEAN Contemporary #1


Group Exhibition
curator Dr. Ana Karaminova
25.04.-20.06.15
@Gedok Gallery Berlin

25. April – 20. Juni 2015
Vernissage: Samstag, 25. April 2015, 18:30 Uhr
Eröffnungsrede: Dr. Ana Karaminova, Kuratorin

Aus der Überzeugung heraus, dass die Kunst ein wichtiges Vermittlungsmedium zu gesellschaftsrelevanten Fragen ist, wurden Künstlerinnen eingeladen, Stellung zum Thema „Der Ozean heute“ zu nehmen. Es stellt sich die Frage, warum gerade die Weltmeere und warum gerade heute?
Die Ozeane spielen eine zentrale Rolle für das Leben auf unserem Planeten. Deswegen ist es beängstigend, dass sie und damit das globale biologische Gleichgewicht höchst gefährdet sind. Meeresökologen und Ozeanologen beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit den Problemen der Weltmeere und kündigen einen Klimawandel an, den wir auch ohne wissenschaftliche Berichte bereits zu spüren bekommen. Die Lage ist brisant.
Dieser Problematik wollten wir uns mit den Mitteln der Kunst zuwenden und die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren. Mit visuellen, ästhetischen Mitteln sollen die Betrachterinnen und Betrachter auf emotionelle Art und Weise auf bestimmte Zustände aufmerksam gemacht und ohne erhobenen Zeigefinger zum Nachdenken angeregt werden.

Die Tatsache, dass Wasser Leben ist, braucht nicht näher erläutert zu werden. Auf die Vielfalt von Lebensformen und ihre Modifikationen im Wasser macht die Künstlerin Susanne Göritz mit ihren Skulpturen aus der Serie „Aquafakte“ nahe der Fensterfront aufmerksam. Die keramischen Meeresgeschöpfe sind das Ergebnis einer aufmerksamen Naturbeobachtung und aber auch einer lebhaften Vorstellungskraft. Wir begegnen hier Lebensformen aus den Meeren, ohne uns zum Schluss sicher zu sein, wieviel dieser Schönheit der künstlerischen Phantasie und wieviel der Natur zu verdanken ist.

Als Gegenpole oder vielleicht sogar als Ergänzung dieser Arbeiten haben wir daneben auf dem Boden und an der benachbarten Wand die minimalistischen Zeichnungen und die Installation der Japanischen Künstlerin Erika Matsunami. Sie schreiben keine festen Deutungen vor. Und doch ruft die rote Flüssigkeit Assoziationen vom Antriebsstoff des Lebens, des Blutes, hervor. Trotz aller Gravitationsregeln steigt dieser Lebensfluss nach oben, verdampft jedoch im Laufe der Ausstellung und signalisiert damit eine Bedrohung. Zusammen mit den Zeichnungen und Fotografien, die wir hier leider nicht sehen, gehört diese Installation zu einem großen Zyklus namens „B.O.D.Y.“

Von den abstrakten Kunstformen bewegen wir uns weiter zu realen Geschichten, die zu einer Enzyklopädie der Frauen der Meere von Marei Schweitzer zusammengefügt wurden. Es handelt sich hier um eine Serie von handgedruckten Bilderbogen nach alter Neuruppiner Tradition, die Geschichten von Frauen visualisieren, deren Schicksal mit dem Meer verbunden war. Mehr darüber können Sie von der handgeschriebenen Wand Text entnehmen.

Um Sehnsüchte nach der Meeresweite, nach Abenteuer, aber auch nach Mythen, die das unbekannte Blaue verbirgt, geht es im kleinen Zwischenraum. Dort sind der Dokumentarfilm „No Men ́s Land“ von Helene Sommer und die Fotografie „Hinnerk“ von Kristina Steiner zu sehen. Ich kann nur raten, sich etwas Zeit für diese Arbeiten zu lassen und sie genauer zu betrachten. Zurück in diesem Raum wenden wir uns an die Wand hinter der Informationstheke, wo das vierteilige Gemälde „Wellenreiten“ von Angelika Schneider-v. Maydell hängt. Hier bilden der Mensch und das Wasser eine Einheit und sie gleiten in synchronisierter Bewegung durch die Strömung.
Nicht so harmonisch ist dieses Verhältnis im Video „was wasser macht“ von Chandana Hörmann und Marion Buchmann dargestellt. Die sich in der Wasseroberfläche spiegelnde Frauengestalt scheint zerrissen, beunruhigt, ja fast zerstört von der Flüssigkeit zu sein, die nicht nur lebenserhaltende, sondern auch lebensgefährdende Gewalt sein kann.

Auf die unachtsame Ausbeutung der Meere und die fatale Verschmutzung unseres wertvollsten Naturgutes geht Tamara Ebert ein. Ihre Grafiken tragen den Titel „Mangelhafte Gewässerreinigung“ und „Ungenügend funktionierender Meeresgrundreiniger“. Da wo gesellschaftspolitische Strukturen versagen, nimmt sich die Kunst das Recht, auf die gescheiterte Versuche aufmerksam zu machen.


Die Installation von Jenny Brockmann „Chronicle of a Place“ ist Teil eines größeren Projektes, das als Ziel hat, den Spuren von deutschen Emigranten nachzugehen. Die hier zu sehenden Fotografien und Wasserproben stammen vom East River in New York City, der Strömung, in der im Jahr 1904 ca. 1500 Menschen gestorben sind. Dass geopolitische Wasserwege nicht allein das Tor für eine hellere Zukunft sind, sondern auch zum Verhängnis werden können, machen auch die aktuellsten Nachrichten deutlich.

Auf dem Weg zum zweiten Ausstellungsraum hängt ein Teil der analogen Fotoserie „Soul in Motion“ von Kerstin Parlow. Die Künstlerin gibt ein Gefühl wider, das viele von uns kennen, das Bedürfnis immer weiterzuziehen, neue Horizonte zu entdecken, auf der Suche zu sein. Dieser emotionale Zustand ist am klarsten festzuhalten, wenn sich die bzw. der Reisende auf Wasser fortbewegt. Ebenfalls um Wasserwege – wenn auch unter einem anderen Fokus – geht es im zweiten Ausstellungsraum, an der linken Wand. Dort hängt die Fotodokumentation „Sunken Street“ von Anke Binnewerk. Durch eine Fahrbahnmarkierung im Flussbett stellt die Künstlerin die Abhängigkeit unserer Infrastruktur dar, insbesondere des Straßenbaus von der Natur und umgekehrt. Es handelt sich dabei um eine temporäre Arbeit im Dresdener öffentlichen Raum, deren Dokumentation wir ausstellen dürfen.

Zentral aufgehängt in diesem hinteren Ausstellungsraum ist das Triptychon „Der Müll und das Meer“ von Gisela Weimann. Der Titel des Kunstwerks erinnert an Hemingways Novelle „Der alte Mann und das Meer“, nur dass hier der Mann, der Mensch von der Künstlerin mit Müll ersetzt bzw. gleichgesetzt wird. Müll ist das, was als Rest von der Beziehung Mensch und Natur an den Küsten übrigbleibt.

In diesem Zusammenhang verweist auch Barbara Schnabel mit der großformatigen Fotografie „ocean trash“ auf die 100 Millionen Tonnen Kunststoffmüll, die sich in den Weltmeeren angesammelt haben. Die abgebildete überdimensionale Plastikflasche, die an einem Strand zu liegen scheint, benötigt ca. 450 Jahre um sich vollständig zu zersetzen.
Rechts vom Raumeingang, auf die beiden Seiten der Wandpfeiler hängen die Gemälden „Cadet“ und „mo’o kiha“ von Anne Stahl. Die Künstlerin beschäftigt sich seit langem in verschiedenen Bildserien mit dem Thema „Wasser“ und stellt es in unterschiedlichen Perspektiven dar. Die Arbeiten, die hier zu sehen sind, ziehen einen Querschnitt durch die Erdoberfläche, um die Wasserswege, in zweidimensionalen, wundersamen Naturbildern einzufangen.

Zum Schluss und mit besonderem Dank und Freude möchte ich die Fotografien von Monika Funke Stern vorstellen. Eine davon trägt den Titel „Zerreißprobe“, den wir so aussagekräftig für unsere Thematik fanden, dass er zum Titel der ganzen Ausstellung wurde. Die Bilder von Frau Funke Stern haben die ukrainische Seite vom Schwarzen Meer als Motiv, wo die Künstlerin und Filmemacherin ihren zweiten Wohnsitz hat. Die Krimküste wurde gerade durch ihre strategische Wasserlage zum Brennpunkt politischer Konflikte. Das Meer, einst Symbol für Freiheit und Freigeist, ist jetzt ein Ort für Militärstationen und friedensgefährdende Machtinteressen.

Beteiligte Künstlerinnen:
Anke Binnewerg, Jenny Brockmann, Marion Buchmann, Tamara Ebert, Monika Funke Stern, Susanne Göritz, Erika Matsunami, Kerstin Parlow, Barbara Schnabel, Angelika Schneider - v. Maydell, Helene Sommer, Anne Stahl, Kristina Steiner, Marei Schweitzer, Gisela Weimann

Lesung mit Musik: Mittwoch, 6. Mai 2015, 19:30 Uhr
Jutta Rosenkranz, Carmen Hey (Akkordeon)

Vortragsabend: Mittwoch, 27. Mai 2015, 19 Uhr
TeilnehmerInnen: Prof. Dr. Ingeborg Reichle, Humboldt-Universität zu Berlin
und Daniel Opitz, Ocean Mind Foundation, Kiel

Finissage: Samstag, 20. Juni 2015, 16 Uhr
mit Lesung Cornelia Becker